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Kano-Modell erklärt: Die Kundenperspektive für bessere Produktentscheidungen nutzen

Januar 2025 5 Min. Lesezeit
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Kano-Modell erklärt: Die Kundenperspektive für bessere Produktentscheidungen nutzen

Januar 2025 5 Min.
Aydin Nasseri
Aydin NasseriGeschäftsführer, Cogitaris GmbH

Erfüllen die Eigenschaften Ihres Produktes oder Ihrer Dienstleistung die Kundenanforderungen Ihrer Zielgruppe? Diese Frage lässt sich mithilfe des Kano-Modells präzise beantworten – und die Antwort kann die Art, wie Sie Produktentscheidungen treffen, grundlegend verändern.

Die Kaufentscheidung und die Kundenzufriedenheit von Konsumenten wird durch diverse Eigenschaften eines Produktes oder einer Dienstleistung beeinflusst. Dabei existieren bestimmte Erwartungen und Vorstellungen seitens der Kund:innen, die oft im Verborgenen bleiben, da sie unzureichend artikuliert werden. Das Kano-Modell macht genau diese latenten Erwartungen sichtbar – und liefert die Grundlage für strategisch fundierte Entscheidungen.

Was ist das Kano-Modell?

Das Kano-Modell ist eine wirkungsvolle Methode der Marktforschung, um Kundenanforderungen im Detail kennenzulernen und Produkte sowie Dienstleistungen an den Wünschen der Kunden auszurichten. Mithilfe des Kano-Modells können die Zusammenhänge zwischen der Kundenzufriedenheit und der Erfüllung der Kundenanforderungen bewertet werden.

Daraus lässt sich ableiten, wie sich das Fehlen oder das Vorhandensein von Produkteigenschaften auf die Kundenzufriedenheit auswirkt. Das ist weit mehr als eine einfache Zufriedenheitsmessung: Das Kano-Modell unterscheidet, welche Merkmale unverzichtbar sind, welche Begeisterung auslösen und welche schlicht irrelevant sind.

Das Besondere am Kano-Modell liegt in seinem Perspektivwechsel: Statt Kund:innen direkt zu fragen, wie wichtig ein Merkmal ist – was häufig zu wenig trennscharfen Ergebnissen führt –, wird untersucht, wie stark die Erfüllung oder Nichterfüllung eines Merkmals die Zufriedenheit beeinflusst.

Ursprung und theoretische Grundlage

Das Kano-Modell wurde Ende der 1970er-Jahre von einem Professor für Qualitätsmanagement namens Noriaki Kano entwickelt. Er stellte sich die Frage, inwiefern die Verbesserung jeder einzelnen Produkteigenschaft zu einer Erhöhung der Kundenzufriedenheit führen kann.

Seine Kernthese: Manche Produkteigenschaften haben einen überproportionalen Einfluss auf die Kundenzufriedenheit – während andere kaum einen Unterschied machen, egal wie stark man sie verbessert. Auf der Grundlage der Zwei-Faktoren-Theorie von Frederick Herzberg entwickelte er schließlich das Kano-Modell, das bis heute zu den meistgenutzten Werkzeugen der Produktforschung zählt.

Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie unterscheidet zwischen Hygienefaktoren (deren Fehlen Unzufriedenheit erzeugt) und Motivatoren (deren Vorhandensein Begeisterung erzeugt). Kano übertrug dieses Prinzip konsequent auf Produktmerkmale und Kundenzufriedenheit.

Die fünf Merkmalskategorien des Kano-Modells

Im Kano-Modell gibt es fünf verschiedene Produktmerkmale. Da nicht jeder Kunde von den gleichen Merkmalen begeistert ist, sollte beachtet werden, dass die Wahrnehmung von Kunden hinsichtlich der Merkmale subjektiv ist. Die Einstufung hängt von der jeweiligen Zielgruppe, dem Marktkontext und dem Zeitpunkt der Befragung ab.

Die fünf Merkmalskategorien

Wie jede Kategorie die Kundenzufriedenheit beeinflusst

BasismerkmaleGrundlegend & selbstverständlich

Werden nicht explizit gewünscht. Fehlen sie, entsteht massive Unzufriedenheit. Sind sie vorhanden, bleibt die Zufriedenheit neutral.

Bsp.:Bremsen beim Auto·Fehlt: Hohe UnzufriedenheitVorhanden: Neutral
LeistungsmerkmaleLineare Zufriedenheitssteigerung

Mehr ist mehr. Je stärker erfüllt, desto höher die Zufriedenheit. Je schlechter erfüllt, desto stärker die Unzufriedenheit.

Bsp.:Kraftstoffverbrauch·Fehlt: UnzufriedenheitVorhanden: Zufriedenheit
BegeisterungsmerkmaleÜberraschend & differenzierend

Vom Kunden nicht erwartet. Vorhanden: Begeisterung und Weiterempfehlung. Fehlen sie: kein Einfluss auf Unzufriedenheit.

Bsp.:Unerwartete Sonderausstattung·Fehlt: NeutralVorhanden: Begeisterung
Indifferente MerkmaleIrrelevant für die Mehrheit

Weder vorhanden noch fehlend verändern sie die Zufriedenheit. Für die breite Zielgruppe ohne Relevanz – für Subgruppen oft wichtig.

Bsp.:Bestimmte technische Details·Fehlt: NeutralVorhanden: Neutral
RückweisungsmerkmaleNegative Einflussfaktoren

Ihre Präsenz erzeugt Unzufriedenheit. Fehlen sie, entsteht keine erhöhte Zufriedenheit. Unerwünschte, aber vorhandene Eigenschaften.

Bsp.:Herstellergebundenes Zubehör·Fehlt: NeutralVorhanden: Unzufriedenheit

Basismerkmal: Grundlegend und selbstverständlich

Die Basismerkmale sind für die Kunden grundlegend und selbstverständlich. Sie werden nicht explizit gefordert, sodass sie dem Kunden erst bei Nichterfüllung bewusst werden. Ein klassisches Beispiel sind die Bremsen eines Autos: Für den Kunden ist es selbstverständlich, dass das Fahrzeug mit Bremsen ausgestattet ist. Sind Bremsen vorhanden, hat das keinen direkten Einfluss auf die Zufriedenheit. Sollte das Fahrzeug allerdings keine Bremsen besitzen, hätte dies einen enormen Einfluss auf die Unzufriedenheit.

Für Produktteams bedeutet das: Basismerkmale müssen erfüllt sein – sie sind non-negotiable. Investitionen darüber hinaus erzeugen jedoch keine zusätzliche Zufriedenheit.

Leistungsmerkmale: Lineare Zufriedenheitssteigerung

Die Leistungsmerkmale – auch Qualitätsmerkmale genannt – führen zu einer linearen Steigerung der Kundenzufriedenheit. Je mehr Leistungsmerkmale und je besser sie erfüllt sind, desto besser wird das Angebot in der Wahrnehmung des Kunden. Ein beispielhaftes Leistungsmerkmal bei einem Fahrzeug ist der Kraftstoffverbrauch: Geringer Verbrauch erhöht die Zufriedenheit, hoher Verbrauch führt zu Unzufriedenheit.

Begeisterungsmerkmale: Treiber für die Weiterempfehlung

Merkmale, die der Kunde nicht erwartet, die aber zur Begeisterung führen, werden im Kano-Modell als Begeisterungsmerkmale gekennzeichnet. Sie sind außerdem häufig ein Treiber für Empfehlungsmarketing: Wenn ein Produkt etwas „Besonderes“ oder „Überraschendes“ aufweist, erzählt man auch gerne Freunden und Bekannten davon.

Andererseits bedeutet das auch, dass fehlende Begeisterungsmerkmale nicht automatisch zu einer erhöhten Unzufriedenheit führen. Demnach haben Begeisterungsmerkmale das größte Potenzial, den Kunden positiv zu beeinflussen, und erzeugen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Angeboten.

Indifferente Merkmale und Rückweisungsmerkmale

Indifferente Merkmale sind Produkteigenschaften, deren Existenz eher unwichtig für die Kunden ist. Sind diese Merkmale vorhanden oder nicht – die Kundenzufriedenheit verändert sich kaum. Oftmals sind diese Aspekte jedoch für Subgruppen (beispielsweise jüngere Personen oder Stammkunden) relevant.

Rückweisungsmerkmale hingegen führen beim Vorhandensein zu Unzufriedenheit und können die Kaufentscheidung negativ beeinflussen. Das „Nicht-Vorhandensein“ führt nicht zu erhöhter Zufriedenheit. Oft handelt es sich hierbei nicht um Qualitätsmängel, sondern um unerwünschte Merkmale – etwa wenn sich ein Produkt nur mit Zubehör von bestimmten Anbietern erweitern lässt.

Möchten Sie herausfinden, welche Merkmale Ihres Produktes Ihre Kunden begeistern? Wir begleiten Sie durch den gesamten Kano-Analyseprozess.

Kostenfreie Erstberatung

Das Kano-Modell in der Marktforschung

In der Marktforschung entfaltet das Kano-Modell seinen vollen strategischen Wert. Unternehmen erhalten nicht nur abstrakte Wichtigkeitswerte, sondern klare Hinweise darauf, welche Merkmale sie unbedingt erfüllen müssen, welche echte Differenzierung bieten – und welche Ressourcen sie sich sparen können.

Durch die Kategorisierung entsteht ein differenziertes Bild der Kundenerwartungen, das weit über klassische Zufriedenheitsabfragen hinausgeht. Das macht das Kano-Modell zu einem wertvollen strategischen Werkzeug – besonders in Kombination mit anderen Methoden wie Loyalitätsmessungen oder dem Customer Effort Score.

Was heute ein Begeisterungsmerkmal ist, kann sich im Laufe der Zeit zu einem Leistungsmerkmal entwickeln. Was ein Ouzo aufs Haus nach dem Essen beim Griechen früher war, wird heute selbstverständlich erwartet. Kano-Analysen sollten deshalb regelmäßig wiederholt werden.

Wie funktioniert die Kano-Analyse konkret?

Um sicherzustellen, dass relevante Produkteigenschaften mit dem Kano-Modell bewertet werden, sollten die Produktanforderungen und Bedürfnisse der eigenen Zielgruppe in einer Voranalyse identifiziert werden – idealerweise gestützt durch Buyer Personas. Erst dann werden die Merkmale in einer strukturierten Befragung bewertet.

Das Prinzip der Fragepaare

Da die Kano-Analyse auf funktionalen und dysfunktionalen Fragetypen basiert, werden die Merkmale einerseits positiv und andererseits negativ abgefragt. Die Kombination der bipolaren Abfrage wird anschließend in das Kano-Modell eingeordnet:

Kano-Fragepaare in der Praxis

Jedes Merkmal wird funktional und dysfunktional bewertet

Merkmal: Freie Lieferzeitwahl
Funktionale Frage

Wie würden Sie es empfinden, wenn Sie den Lieferzeitpunkt frei wählen können?

Dysfunktionale Frage

Wie würden Sie es empfinden, wenn Sie den Lieferzeitpunkt nicht frei wählen können?

Merkmal: 24h-Kundenservice
Funktionale Frage

Wie würden Sie es empfinden, wenn Sie rund um die Uhr einen Ansprechpartner erreichen können?

Dysfunktionale Frage

Wie würden Sie es empfinden, wenn kein 24h-Kundenservice verfügbar wäre?

Bewertungsskala (für beide Fragen)
1Das würde mich sehr freuen2Das setze ich voraus3Das ist mir egal4Das könnte ich akzeptieren5Das würde mich sehr stören

Die Bewertungsskala und Auswertung

Die vordefinierten Merkmale werden anhand fünf unterschiedlicher Bewertungen abgefragt: „Das würde mich sehr freuen“, „Das setze ich voraus“, „Das ist mir egal“, „Das könnte ich akzeptieren“ und „Das würde mich sehr stören“.

Da Kunden in der Regel nicht alle die gleiche Meinung haben, erfolgt eine finale Zuordnung der Merkmale anhand der Häufigkeiten. Kommt es bei einer Nennung zu einem Gleichstand, gilt folgende Prioritätsreihenfolge: Basismerkmal vor Leistungsmerkmal vor Begeisterungsmerkmal vor indifferentem Merkmal.

Für eine methodisch robuste Kano-Analyse empfiehlt sich außerdem eine sorgfältige Fragebogengestaltung, um Verzerrungen durch Frageformulierungen zu minimieren.

Sie möchten eine Kano-Analyse für Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung durchführen? Unsere Expert:innen unterstützen Sie von der Merkmalsdefinition bis zur Auswertung.

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Das Kano-Diagramm verstehen

Das Kano-Diagramm visualisiert, wie die Erfüllung der einzelnen Merkmale die Kundenzufriedenheit nachhaltig steigern kann. Auf der horizontalen Achse ist abgebildet, wie gut ein Merkmal erfüllt ist (von „nicht erfüllt“ bis „vollständig erfüllt“). Die vertikale Achse zeigt die resultierende Kundenzufriedenheit.

Das Kano-Diagramm

Zusammenhang zwischen Erfüllung und Kundenzufriedenheit

Zufriedenheit
Sehr zufrieden
Neutral
Nicht erfüllt
Vollständig erfüllt
Sehr unzufrieden
Begeisterungsmerkmal
Leistungsmerkmal
Basismerkmal
Indifferentes Merkmal

Befindet sich ein Merkmal in der Indifferenz-Zone, kann keine starke Kundenbindung aufgebaut werden. Ist das Merkmal hingegen in der Zone der Ziel-Positionierung, erfüllt das Produkt die Basismerkmale, die Kundenerwartungen und begeistert den Kunden gleichzeitig – das ist die ideale Position.

Die unterschiedlichen Kurvenverläufe machen deutlich, warum ein zusätzlicher Euro in ein Basismerkmal eine andere Rendite hat als derselbe Euro in ein Begeisterungsmerkmal. Diese Erkenntnis ist die Grundlage für strategisch fundierte Investitionsentscheidungen in der Produktentwicklung.

Fazit und Anwendungsfelder

Eine Analyse mit dem Kano-Modell gibt aufschlussreiche Informationen für unterschiedlichste Unternehmensbereiche. Die Methode ist in ihrer Einfachheit elegant – und in ihrer Aussagekraft überraschend stark.

Produktentwicklung
  • Priorität auf Basismerkmale sicherstellen
  • Leistungsmerkmale gezielt ausbauen
  • Begeisterungsmerkmale als Differenzierungshebel nutzen
  • Ressourcen für indifferente Merkmale einsparen
Marketing & Vertrieb
  • Begeisterungsmerkmale kommunikativ in den Vordergrund stellen
  • Leistungsmerkmale als messbare Argumente nutzen
  • Rückweisungsmerkmale aktiv eliminieren
  • Kundensegmente nach Merkmalspräferenz differenzieren
Budgetallokation
  • Investitionen auf Basis echter Kundenprioritäten lenken
  • Basismerkmale als Non-negotiable absichern
  • ROI auf Begeisterungsmerkmale maximieren
  • Indifferente Merkmale deprioritisieren

Produktweiterentwicklung

Im Bereich der Produktweiterentwicklung können auf der Grundlage einer Kano-Analyse operative Empfehlungen entstehen, die dabei helfen, die Priorität des Budgets sinnvoll und zielgeführt zu investieren. Welche Features sind must-have, welche schaffen echten Mehrwert, welche können gestrichen werden?

Marketing und Vertrieb

Im Bereich Marketing und Vertrieb können ausschlaggebende Merkmale starke Argumente in der Kommunikation darstellen und damit das Angebot nachhaltig attraktiver gestalten. Begeisterungsmerkmale sind die stärksten Hebel für Differenzierung – und genau diese sollten kommunikativ in den Vordergrund gestellt werden.

In Kombination mit Customer-Insights-Daten lässt sich die Kano-Analyse zu einem leistungsstarken Instrument für die gesamte Marktpositionierung ausbauen.

Wie Cogitaris das Kano-Modell weiterdenkt

Bei Cogitaris nutzen wir das klassische Kano-Modell nicht isoliert, sondern kombinieren es mit einer modernen Auswertung der Zufriedenheits- und Unzufriedenheitstreiber – etwa mithilfe der Shapley-Value-Regression –, um ein noch präziseres Verständnis zu ermöglichen. So entstehen nicht nur Kategorisierungen, sondern echte Handlungsempfehlungen – etwa für Ihre Produktentwicklung, Budgetallokation oder Vertriebsargumentation.

Unsere Expert:innen begleiten Sie durch den gesamten Prozess: von der zielgruppenspezifischen Merkmalsdefinition über das methodisch fundierte Studiendesign bis hin zur klar visualisierten Auswertung in interaktiven Dashboards.

Ob als einmalige Analyse oder als wiederkehrendes strategisches Tool – mit Cogitaris holen Sie das volle Potenzial aus dem Kano-Modell. Sprechen Sie uns an – wir zeigen Ihnen, wie sich Ihre Kundenanforderungen heute in den Unternehmenserfolg von morgen übersetzen lassen.

Sprechen Sie mit uns über Ihre Ziele. Wir zeigen Ihnen, wie das Kano-Modell konkret für Ihr Unternehmen eingesetzt werden kann.

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